Rahmenbedingungen

Wenn der Stoff nicht aus Vietnam kommt, ist der EVFTA-Zollvorteil oft nur Theorie

Green Fern

Eine vietnamesische Konfektionsfabrik liefert seit Jahren zuverlässig, die Ursprungserklärung liegt vor, die Ware profitiert vom reduzierten oder Null-Zollsatz des EU-Vietnam-Freihandelsabkommens (EVFTA). Für viele Einkäufer ist die Herkunftsfrage damit erledigt — Dokument liegt vor, Zollsatz stimmt, nächstes Thema.

Was dabei häufig übersehen wird: Eine Ursprungserklärung ist keine endgültige Entscheidung, sondern eine vorläufige Selbstauskunft, die der Zoll sich jederzeit noch einmal ansehen kann — auch rückwirkend, auch Jahre später. Und gerade bei Bekleidung ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Selbstauskunft bei genauerem Hinsehen nicht standhält, größer, als viele erwarten.


Warum ausgerechnet Bekleidung anfällig ist

Die EVFTA-Ursprungsregel für Textilien verlangt für die meisten Bekleidungspositionen, dass bereits das Weben oder Stricken des Stoffs selbst in Vietnam oder der EU stattfindet — nicht nur Zuschnitt und Naht. Fachleute nennen das eine "Fabric-forward"-Regel: Wird ein fertiger Stoff aus einem Drittland importiert und in Vietnam nur zugeschnitten und zusammengenäht, reicht das nach dieser Regel grundsätzlich nicht für den vietnamesischen Präferenzursprung.

Genau da liegt in der Praxis oft das Problem. Vietnams eigene Textilindustrie deckt nach Branchenangaben nur rund ein Viertel des heimischen Stoffbedarfs, der Rest wird importiert — mehrere Milliarden Meter jährlich, mit China und Taiwan als größten Lieferquellen. Der Anteil im Inland selbst verarbeiteter Materialien liegt insgesamt nur bei etwa 40 bis 45 Prozent. Für viele Konfektionsbetriebe ist importierter, meist chinesischer Stoff schlicht die günstigere und praktischere Wahl — mit der Folge, dass ein beachtlicher Teil der vietnamesischen Bekleidungsproduktion die EVFTA-Ursprungsregel gar nicht erfüllt, selbst wenn Naht und Konfektion vollständig in Vietnam passieren.


Was das für den deutschen Importeur bedeutet

Stellt eine Zollbehörde bei einer nachträglichen Prüfung fest, dass eine Ursprungserklärung zu Unrecht ausgestellt wurde, kann das zu einer Nacherhebung der Zollabgaben führen — nicht beim Hersteller, sondern beim Importeur im Bestimmungsland. Wer über eine Langzeitlieferantenerklärung über Jahre hinweg zum reduzierten Satz importiert hat, für den kann sich diese Nachforderung auf sämtliche betroffenen Einfuhren erstrecken. Das gilt laut geltendem EU-Zollrecht grundsätzlich auch dann, wenn der Importeur selbst nichts von der falschen Angabe wusste und gutgläubig gehandelt hat. Die Zollbehörde hält sich zunächst an den Importeur, der sich seinerseits an den Lieferanten wenden muss, um sein Geld zurückzuholen — rechtlich möglich, aber ein zusätzlicher Prozess, kein automatischer Ausgleich.

Ähnliches gilt für Schuhe und Lederwaren, eine weitere vietnamesische Exportstärke mit weitgehend zollfreiem EU-Marktzugang durch EVFTA: Auch hier hängt der Präferenzstatus letztlich daran, ob die vorgeschriebene Verarbeitungstiefe tatsächlich in Vietnam stattfindet, nicht nur die letzten Fertigungsschritte.


Woran sich das in der Praxis zeigen lässt

Für die Bewertung eines Lieferanten heißt das: Eine unterschriebene Ursprungserklärung ist notwendig, aber keine Garantie. Aufschlussreicher ist die Frage, woher der Stoff eines Konfektionsbetriebs tatsächlich stammt — nicht nur, wo die Ware am Ende zugeschnitten und genäht wurde. Ein Hersteller, der auf Nachfrage konkret benennen kann, woher sein Rohmaterial kommt und das belegen kann, ist zollrechtlich ein anderer Fall als einer, der diese Frage ausweicht oder nur mit der fertigen Ursprungserklärung antwortet.

Genau dieser Abgleich zwischen dem, was ein Dokument behauptet, und dem, was in der Lieferkette dahinter tatsächlich passiert, ist einer der Punkte, auf die wir bei der Bewertung von Herstellern in Vietnam bewusst genauer schauen, statt uns allein auf die vorgelegten Papiere zu verlassen.

Sie möchten einschätzen, wie belastbar die Ursprungsdokumentation Ihres aktuellen oder geplanten Vietnam-Lieferanten in der Bekleidungs- oder Schuhproduktion tatsächlich ist? In einem kostenlosen 30-minütigen Erstgespräch schauen wir gemeinsam auf Ihre konkrete Situation.