Markt & Zahlen

Warum "günstiger als China" allein keine Sourcing-Strategie ist

Viele Unternehmen, die sich zum ersten Mal mit Vietnam als Beschaffungsmarkt beschäftigen, starten mit einer einfachen Gleichung: Vietnam ist günstiger als China. Diese Einschätzung ist nicht grundsätzlich falsch – aber sie ist unvollständig, und wer sie unreflektiert übernimmt, vergleicht am Ende oft die falschen Zahlen miteinander.


Der Lohnabstand schrumpft von beiden Seiten

Seit dem 1. Januar 2026 gilt in Vietnam ein neuer, im Schnitt um 7,2 Prozent höherer gesetzlicher Mindestlohn. In der teuersten Region – dazu zählen unter anderem Ho-Chi-Minh-Stadt, Hanoi und Hai Phong – liegt er jetzt bei 5,31 Millionen Dong im Monat, umgerechnet rund 200 US-Dollar. Das ist keine einmalige Ausnahme, sondern die jüngste in einer Reihe regelmäßiger Erhöhungen der vergangenen Jahre.

Zum Vergleich: In Shanghai, dem teuersten Standort Chinas, liegt der gesetzliche Mindestlohn bei umgerechnet rund 380 US-Dollar im Monat. Vietnams höchste Lohnstufe bewegt sich damit bei gut der Hälfte des chinesischen Spitzenwerts – nicht bei einem Bruchteil davon, wie es das gängige Bild vom "Billigstandort" oft suggeriert. Und weil beide Länder ihre Mindestlöhne regelmäßig anpassen, ist dieser Abstand kein fester Wert, sondern etwas, das sich von Jahr zu Jahr verschiebt. Zur Einordnung: Der gesetzliche Mindestlohn ist nicht dasselbe wie der tatsächlich gezahlte Lohn in einer Fabrik – in beiden Ländern liegen reale Löhne meist darüber. Als Signal für die Richtung der Entwicklung taugt er trotzdem.


"Made in Vietnam" heißt nicht automatisch "in Vietnam gewertschöpft"

Ein Lohnvorteil auf dem Papier sagt außerdem wenig darüber aus, wie viel von den Gesamtkosten eines Produkts tatsächlich von diesem Vorteil profitiert. Vietnams Industrie ist stark auf importierte Vorprodukte angewiesen: Über 94 Prozent der vietnamesischen Importe entfallen auf Maschinen, Anlagen und Rohstoffe für die eigene Fertigung, nicht auf Konsumgüter. Ein Teil dieser Vorprodukte stammt aus China oder anderen Ländern, deren Preise unabhängig vom vietnamesischen Lohnniveau schwanken.

Das bedeutet: Je nach Produkt und Fertigungstiefe kann der Personalkostenanteil an den Gesamtkosten kleiner sein, als der reine Lohnvergleich nahelegt – während Material, Logistik und Zölle einen größeren Teil ausmachen, als viele beim ersten Blick auf den Stundenlohn annehmen. Das hängt eng mit einer Frage zusammen, die an dieser Stelle vor einer Woche schon Thema war: Wie viel Wertschöpfung tatsächlich in Vietnam passiert, bevor ein Produkt das Land verlässt, ist von Fabrik zu Fabrik höchst unterschiedlich – und lässt sich nicht am Etikett ablesen.


Fracht, Vorlaufzeit, Koordination – die Posten, die selten mitgerechnet werden

Hinzu kommen Kosten, die in einer reinen Lohnkalkulation gar nicht erst auftauchen: Frachtraten schwanken je nach Route, Saison und Hafenauslastung zum Teil erheblich und lassen sich nicht pauschal als generell günstiger oder teurer als eine China-Route einordnen. Vorlaufzeiten, Mindestbestellmengen und der Koordinationsaufwand für Qualitätssicherung über die Distanz kommen dazu. Keiner dieser Punkte macht Vietnam automatisch teurer oder günstiger – er zeigt nur, dass eine seriöse Kostenrechnung deutlich mehr Variablen braucht als den Vergleich zweier Stundenlöhne.


Was daraus für die Sourcing-Entscheidung folgt

Der Denkfehler liegt nicht darin, Vietnam als Alternative zu China in Betracht zu ziehen – dafür gibt es gute Gründe. Der Denkfehler liegt darin, diese Entscheidung allein am Lohnvergleich festzumachen und daraus automatisch eine Kostenersparnis abzuleiten, die sich am Ende so nicht einstellt. Genau diese Gesamtrechnung – Lohn, Material, Logistik, tatsächliche Fertigungstiefe – gehört zu den Punkten, die bei einer Einschätzung vor Ort in Vietnam systematisch mit hineinspielen.

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