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Vietnam als Beschaffungsmarkt: Was deutsche Mittelständler wissen müssen

Green Fern

Vietnam taucht in den vergangenen Jahren in immer mehr Einkaufsgesprächen auf — meist im selben Atemzug wie „China-Diversifizierung" oder „zweiter Standort". Was in diesen Gesprächen oft fehlt, ist eine nüchterne Einordnung: Wofür ist Vietnam als Beschaffungsmarkt tatsächlich gut, wo liegen die strukturellen Vorteile, und wo sind die Grenzen. Dieser Beitrag liefert die Grundlage, auf die sich alles Weitere aufbauen lässt.

Warum Vietnam gerade jetzt relevant wird

Drei Entwicklungen erklären einen guten Teil der aktuellen Aufmerksamkeit. Erstens: Die deutschen Importe aus Vietnam sind in den ersten zehn Monaten des Jahres 2025 um 24 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gewachsen, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen — ein Tempo, das kaum ein anderer asiatischer Beschaffungsmarkt aktuell vorweisen kann. Zweitens: Über das EU-Vietnam-Freihandelsabkommen (EVFTA) sollen bis zum Abschluss der Übergangsfristen 2027 rund 99 Prozent der Zölle zwischen beiden Wirtschaftsräumen abgebaut sein — ein struktureller Kostenvorteil, der schrittweise greift und unabhängig von Wechselkursen oder Lohnentwicklung bestehen bleibt. Drittens: Vietnam hat sich in den vergangenen Jahren als eines der wichtigsten Lieferländer Asiens für Deutschland etabliert, mit spürbarem Wachstumsvorsprung gegenüber den meisten anderen Alternativen, die in China+1-Diskussionen genannt werden.

Diese Entwicklungen erklären, warum Vietnam im Gespräch ist. Sie erklären nicht, ob es für ein konkretes Unternehmen die richtige Wahl ist — das hängt von der Branche, der Produktkomplexität und der eigenen Risikobereitschaft ab.

Die Produktionscluster, die für den deutschen Mittelstand am relevantesten sind

Vietnam ist kein homogener Markt. Die Stärken verteilen sich auf einige wenige, dafür sehr ausgereifte Branchencluster:

Textilien und Bekleidung. Vietnam zählt aktuell zu den drei größten Textil- und Bekleidungsexporteuren der Welt, mit einem Gesamtexportumsatz von rund 46 Milliarden US-Dollar allein 2025. Die Cluster um Ho-Chi-Minh-Stadt, Binh Duong und Hanoi verfügen über jahrzehntelange Erfahrung mit europäischen Qualitätsanforderungen und etablierte Auditstrukturen — ein Vorteil gerade für Unternehmen, die zum ersten Mal außerhalb Europas produzieren lassen.

Möbel, Rattan und Naturfasern. Vietnam gehört zu den weltweit größten Exporteuren von Holzmöbeln, mit Hauptclustern in Da Nang (Massivholz) und Ho-Chi-Minh-Stadt (Polstermöbel) — allein in die USA liefert Vietnam heute mehr Holzmöbel als jedes andere Land. Parallel dazu zählt Vietnam gemeinsam mit China, Indonesien und den Philippinen zu den vier größten Exporteuren von Rattan- und Bambusprodukten weltweit — traditionelles Handwerk, kombiniert mit moderner Exporterfahrung, für viele deutsche Händler noch eine unentdeckte Beschaffungsquelle.

Kaffee und Spezialitätenprodukte. Vietnam ist der weltweit größte Robusta-Produzent und nach Brasilien Deutschlands zweitgrößter Kaffeelieferant. Für Spezialitätenröster mit Interesse an direkten Lieferketten in die Anbauregionen Dak Lak, Lam Dong und Gia Lai entsteht hier ein Wachstumsmarkt, der noch am Anfang steht.

Daneben gibt es tragfähige, wenn auch nicht im Zentrum stehende Kapazitäten in Heimtextilien, Schuhen und Lederwaren — Vietnam ist nach China der zweitgrößte Schuhexporteur der Welt. Weniger geeignet ist der Markt aktuell für komplexe Metallverarbeitung und Maschinenbau: Hier entsprechen Qualität und Skalierung bei einfachen Bauteilen häufig noch nicht durchgängig westlichen Erwartungen, auch wenn sich das Segment schnell entwickelt.

Wo die Grenzen liegen

Eine seriöse Einordnung braucht auch die Kehrseite. Vietnam ist kein 1:1-Ersatz für China — die Fertigungstiefe und die Zulieferstruktur sind in vielen Kategorien schlicht kleiner. Ein nicht unerheblicher Teil vietnamesischer Produktion hängt zudem selbst an chinesischen Vorprodukten und Rohmaterialien, was bei genauer Herkunftsprüfung berücksichtigt werden muss, gerade mit Blick auf Ursprungsregeln und Lieferkettentransparenz. Und: Die sichtbaren, über Alibaba oder Messen auffindbaren Hersteller sind nicht automatisch die besten — oft sind es lediglich die am aggressivsten vermarkteten.

Das ist kein Grund, den Markt zu meiden. Es ist ein Grund, ihn mit derselben Sorgfalt zu prüfen, die man auch von jedem anderen neuen Beschaffungsmarkt erwarten würde.

Wie ein sinnvoller erster Schritt aussieht

Für Unternehmen, die neu in den vietnamesischen Markt einsteigen, empfiehlt sich in aller Regel ein gestufter Einstieg: zunächst eine strukturierte Lieferantenrecherche innerhalb der eigenen Branche, gefolgt von einer persönlichen Prüfung der aussichtsreichsten Kandidaten vor Ort, bevor größere Mengen oder langfristige Verträge zur Debatte stehen. Wer bereits Kontakt zu einem vietnamesischen Hersteller hat, aber unsicher ist, wie belastbar dieser Kontakt tatsächlich ist, kann diesen Schritt auch einzeln vorschalten.

In beiden Fällen gilt: Die Informationen, auf denen diese Entscheidung beruht, sind nur so gut wie ihre Quelle. Selbstauskünfte von Herstellern zu Qualitätsprozessen oder Kapazität sollten mit Vorsicht behandelt werden — belastbar sind meist nur objektive, überprüfbare Fakten wie Gründungsjahr, Mitarbeiterzahl oder vorhandene Zertifikate mit Nummer und Gültigkeitsdatum.

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